Der meistgehasste Taschenrechner des Universums

Man sollte meinen, dass es so etwas gar nicht geben dürfte. Wie kann ein Taschenrechner derart verhasst sein,und trotzdem sein 15. Jubiläum feiern? Wer ihn kennt weiß, wovon ich schreibe: der TI82 stats.

Doch bevor ich genauer auf ihn eingehe, muss noch erklärt werden, dass die gesamte Produktsparte der grafikfä-higen Taschenrechner, kurz GTR, ein Attentat auf die Bildung derjenigen ist, die sie verwenden müssen. Zunächsthört es sich genial und einfach an. Man lässt eine Funktion auf den Bildschirm zeichnen. Genau das wollen die Kids,denen x und y so fremd sind wie chinesische Schriftzeichen. Und programmierbar sind sie auch. Sogar Spiele gibt esfür sie, wie mir manche Kids mit leuchtenden Augen versicherten. Der Vorteil: zum Unterschied zu den Smartphoneskann der GTR offen auf dem Tisch liegen – yeah. Wäre ja nicht so schlecht, wenn die Kids gelernt hätten, den GTRzu programmieren. Dann würde ihnen auch nicht schwer fallen, den GTR „anderweitig“ zu bedienen. Aber sie ladennur Programme – Spiele – aus dem Internet runter. Also nichts gelernt.

Doch selbst bei lehrplangemäßem Gebrauch wird nichts gelernt. Wenn man z. B. die Nullstellen einer Funktion„ausrechnen“ will, lässt man die Funktion zeichnen, schaut sich an, wo die Kurve sich mit der x-Achse kreuzt,bewegt den Cursor einmal links von dieser Stelle, drückt Enter, bewegt den Cursor rechts von dieser Stelle, drücktwieder Enter, drückt nochmal Enter und ließt ab. Null mathematisches Verständnis erforderlich. Ich bin mir sicher,Schimpansen könnte man das auch beibringen. Verrückt ist das Ganze noch zusätzlich, dass die GTR besondersmassiv in Wirtschaftsschulen eingesetzt werden. Da werden nur einfache Polynomfunktionen behandelt. Diese sindjedoch wirklich leicht mathematisch zu behandeln. Ein GTR ist dafür nicht notwendig. Fazit: Generell sind dieGTR eine sinnlose Produktgruppe.

Der meisteingesetzte GTR in der Schule ist der TI82 stats. Billiger als seine Konkurrenten, kann mit großenMatrizen umgehen und hat einen Solver für die Rentenrechnung. Billiger ja, aber man bereut schnell den Kauf. GroßeMatrizen ja, aber sie werden in der Schule nicht berechnet. Bleibt der Rentensolver, den die Lehrer austricksen,indem sie Verständnisfragen stellen und symbolische Berechnung einfordern.

Der riesige Nachteil ist die Bedienbarkeit. Es gibt wahrlich viele wunderbare Funktionen, die der stats zurVerfügung stellt. Und auch eine Katalogfunktion – yeah. Also man drückt auf die Katalogfunktion und ... – jetztfängt die Misere an. Hunderte Funktionen und Befehle – platsch – ohne Einteilung in Kategorien, ohne Erklärung.Als guter Mathematiker findet man jedoch den richtigen Eintrag – nach ein paar Minuten. Auf die Funktion scrollenund Enter. Jetzt hat man die Funktion, aber diese verlangt nun eine Eingabe. Einen, zwei oder drei? Welchen zuerst?

Beispiel: Man kann sich zu einer Funktion auch die Ableitungsfunktion zeichnen lassen. Der Befehl heißt „nderiv“.Nun sind drei Einträge zu tätigen, was man wissen muss. Dass zuerst die Funktion kommt, ist noch logisch, aberwas dann? Man muss nun bekannt geben, nach welcher Variable er ableiten soll, also x. Dann kommt der Eintrag,an welcher Stelle er ableiten soll. Was gibt man nun ein? Man kann doch nicht alle Stellen eingeben. Die Lösunglauter wieder x. Wenn die Funktion dann gezeichnet wird, habe ich schon Schüler in Panik gesehen. Er rechnet dieAbleitung so langsam aus, dass manche meinen, der Taschenrechner wäre abgestürzt. Den dünnen kurzen Strichrechts oben, der sich ständig neu aufbaut, übersehen sie. Er zeigt an, dass der stats beim Rechnen ist. Dann kommtdie nächste Überraschung, im Fenster ist das Koordinatenkreuz zu sehen, aber keine der Funktionen. Nun geht esan die Fenstereinstellungen, um den richtigen Ausschnitt zu finden. Eine Aufgabe, die schwache Schüler verzweifelnlässt, denn dazu wäre es notwendig abzuschätzen, wo der sinnvolle Definitions- und Wertebereich ist.

Nun sollte eine schöne Kurve erscheinen, aber – nichts. Je nach Charakter kommt es nun bei Schülern zu Aggres-sion oder Depression. Was wurde vergessen? Immer wieder drücken die Schüler unabsichtlich im Funktionenmenuauf des Gleichheitszeichen. Dieses schaltet jedoch die Sichtbarkeit aus und ein. Also auf das Gleichheitszeichen imFunktionenmenu gehen, die Sichtbarkeit aktivieren und den Graphen anzeigen lassen. Schnell noch ein Stoßgebet –ja, dieser Rechner bringt einen näher zu den Göttern als jede heilige Schrift – und Enter.

Dieses Beispiel ist typisch für die Bedienbarkeit dieses Scheißdings und noch lange nicht der worst case. Schnellverzweifelt man als Nachhilfelehrer, weil es keinen einfachen Weg gibt, diese und andere Berechnungen durchzufüh-ren. Kaum sagt man: „Mach es auf diese oder jene Weise.“ Liegt in der nächsten Minute ein Beispiel am Tisch, das so nicht berechnet werden kann, weil es in eine andere Kategorie gehört.

Was sich schon beim Lesen als lange erweist, ist noch viel schlimmer, wenn man es selber tut. Zehn Minutensind wie im Fluge vorbei. Im Vergleich dazu der Aufwand, wenn man das zu Fuß erledigt: Eine Ableitung einerPolynomfunktion dritten Grades dauert weniger als 30 Sekunden, das Ergebnis null setzen und mit einer derLösungsformeln berechnen dauert unter 2 Minuten. Wenn man, anstatt die Lösungsformeln zu benutzen, einen TI30X Pro verwendet, klopft man die quadratische Gleichung rein und ist auch damit in einer halben Minute fertig.Der Pro fragt dabei, welchen Wert jeder einzelne Koeffizient hat. So sollten Rechenhilfen sein: eine Hilfe. Es gibt keinlangwieriges Suchen, keine Überraschungen, keinen Frust. Dieses Ableiten ist viel schneller erlernt als die Bedienungdes stats.

Für die Schüler kommt nach einer negativen Schularbeit der nächste Tiefschlag: Die Eltern glauben ihnen nicht.„Das Ding war so teuer.“ „Die Schule hat ihn vorgeschrieben.“ „Die wird doch keinen schlechten Taschenrechnerempfehlen.“ „Die anderen Schüler kommen auch zurecht.“ Wenn ich zum ersten Mal bei Schülern aufkreuze undden Eltern erkläre, was das für ein Scheiß (: Ding welches nur dazu da ist um jemanden zuquälen) ist, sind die Schüler schon deswegen froh, weil sie endlich jemanden haben, der sie versteht und ihnen ihreGlaubwürdigkeit den Eltern gegenüber zurückgibt.

Ich traue mir zu – und jeder andere Nachhilfelehrer würde das auch können – dass ich Schülern eher die Ableitungeiner Polynomfunktion beibringe als die Bedienung des stats. Der einzige Lichtblick ist, dass dieser Blogbeitrag schonfast eine Totenrede ist. Die Ablösung ist bereits da und nur noch wenige setzen auf den stats. Es ist Geogebra,das nun die Herrschaft über die Klassenzimmer antritt. Es ist nicht nur viel besser und bedienbarer, sondern kanntatsächlich ein tieferes Verständnis vermitteln, wenn man den Unterricht entsprechend aufbaut.

Viele werden mit ihren Stats die texanische Version von RIP (rest in peace) nachvollziehen: Einen großenHammer nehmen und mehrere Minuten auf ihn einschlagen. Rest in pieces.

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